Das Web ist Huxleys Fühlkino. Ich saß gestern vorm Fernseher (höhö) und guckte ein paar aufgebrachten Studenten zu, wie sie sich von Jubelpersern verprügeln ließen. Da wurde mir das klar: Das Web ist Huxleys Fühlkino.
Und dies ist mein letztes Posting für ganz ganz lange Zeit.
Wenn uns heute irgendwas nicht passt, dann tippen wir das in unsere Weblogs oder kommentieren irgendwelche Artikel und Forenbeiträge. Ein Blogautor mit 40 Comments/Schnitt fühlt sich beachtet, wahrgenommen und meint, eine Auseinandersetzung zu führen.
Tatsächlich beschäftigt er sich mit Geistern.
Die Energie, die wir ins Bloggen und Kommentieren stecken, wäre offline für die gleichen Anliegen viel besser aufgehoben. Doch dafür fehlt uns die Zeit und auch irgendwie der Ansprechpartner.
An wen soll ich mich denn wenden mit meiner Idee einer besseren Energieversorgung? Wen soll ich für die Scheiße auf den Gehwegen anpinkeln? Wo kann ich wegen Guantanamo Dampf ablassen, und welcher Fußgänger interessiert sich für die Hintern der 9live-Kulissen? Nachts um kurz vor zwölf, nach fünf Pils und einem Döner.
Google weiß keine Antworten, Wikipedia ist dicht, also schreib ich’s mal fix auf. Veröffentlicht, korrigiriert, abgehakt, nächstes Thema, hach was bin ich bewegt und engagiert. Vielleicht liefere ich nachher noch einen Text zu dem Bettler vor der Haustür. Der tut mir leid. Und nervt.
Das tolle am Web ist auch, dass es selbst unermüdlich Themen liefert, wir uns also viel und oft und ständig mit ihm beschäftigen können. Standards, Updates, Zugänge, Sperrungen, Regeln, Freiheiten. Linktipps zu Lösungsvorschlägen für Onlineprobleme. Das ist wie Wegweiser zu Plakatwänden mit der Straßenverkehrsordnung. Nicht. Es ist eher wie Zeitungsheadlines mit Informationen zu Redaktionssystemen. Fernsehnachrichten über Bluescreens und Bücher über zukünftige Druckverfahren.
Und schon mal in einer Einkaufspassage gestanden und »WIKIPEDIA IST SEIT GESTERN NICHT MEHR ERREICHBAR« gerufen? Oder »NEUES WORDPRESS UPDATE VERFÜGBAR!!!«
Kam der Notarzt?
Wir haben komplett verlernt, uns politisch zu engagieren. Außer als Castorgegner, Mehrverdienenwoller, Onlineaktivisten und tagebuchschreibende Tagebuchkommentierer. Für uns ist alles gleich: Neuer Film, neuer Präsident, neue Oberweiten, neue Gesetze, neue Pickelcreme, neues Land, neues Handy. Dazwischen Werbepause für Softskills. Dazwischen Sammelklagen wegen Copyright und anderen US-Importen.
Wir sind die Dümmsten der Dummen, glücklich gefangen in der selbst gewählten Unterdrückung. Wir spielen den Diskurs und proben nicht mal mehr den Aufstand.
Es ist absolut perfekt; so perfekt, dass sich kein Diktator, keine Staatsmacht das je hätte ausdenken können — wir mussten uns das selbst zufügen.
Und kräftig Beifall klatschen.
–
Dieser Beitrag ist selbstverständlich ein Paradoxon. Auf Links zu einigen Topblogs wurde bewusst verzichtet.