
Foto: »allez les bleus« von Songkran
Ich war 14 oder 15, so genau weiß ich das nicht mehr. 1986/87, achte oder neunte Klasse, Max-Planck-Schule in Rüsselsheim.
Ein Freund (Björn Renner, yo, ) und ich hatten aus unerklärlichen Gründen Interesse an Französisch als dritter Fremdsprache und belegten einen freiwilligen Nachmittagskurs. Vielleicht Dienstags, ich weiß es nicht, jedenfalls ab 14.00 Uhr (oder so). Auch egal.
Der Lehrer, ein gewisser Herr Weinheimer, war so ziemlich das unfähigste Stück Pädagoge, das man sich vorstellen kann. Er saß hinter seinem Pult und spulte sein Programm ab, manchmal mit unbeabsichtigtem Witz, oftmals mit peinlicher Lächerlichkeit. Wir lachten ihn aus, er lachte mit, so war das.
Hinzu kam ein komplett laxer Umgang mit Disziplinlosigkeit — offenbar meinte er, Schüler dürften alles, der Stoff käme von allein. Vielleicht war er auch einfach nur schlecht und mies und durchsetzungsunfähig, keine Ahnung.
Es kam jedenfalls am laufenden Band zu wirren Szenen im Klassenzimmer; wir »pushten die Grenzen«, wenn ich mal so sagen darf, und der gute Mann war damit hoffnungslos überfordert.
Wir machten uns lautstark über Zeichnungen an der Tafel lustig, verstrickten ihn in Diskussionen über die Größe seiner Mietwohnung, legten uns zwecks »besserer Konzentration« eine halbe Stunde auf den Boden oder — großes Kino — stellten Stühle auf die Tische und spielten »bitte treten Sie an den Schalter, Herr Weinheimer«.
Seine Reaktion: Mitlachen, hilfloses Zurechtweisen, keine Konsequenzen, gute Noten für die schlichte Anwesenheit.
Die Reaktion der anderen Schüler: Stummes rumhocken, absitzen, verwundert glotzen.
Wir waren nicht brutal oder bösartig, wir waren lediglich überdreht, überheblich, über alle Maßen albern. Wir fanden die anderen doof und uns supercool, wir sahen besser aus, waren intelligenter, witziger und überhaupt.
Vor allem waren wir 14 oder 15.
Eines Tages, wir saßen im Physikkurs und langweilten uns zu Tode, entwickelten Björn, ein gewisser Thomas (oder Torsten) und ich einen wirklich großartigen Plan, um ein wenig Leben in die stumpfe Französisch-Bude zu bringen. Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, woher genau die Idee kam, vielleicht entstand sie einfach so, ohne Vorbild oder Anlass, vielleicht hatten wir aber auch gerade irgendetwas gelesen, vielleicht war Fasching, ich weiß es nicht.
Sie entstand jedenfalls, und sie war, wie gesagt, ganz und gar großartig: Ein Überfall, zwei Polizisten, ein Verbrecher. Ein unschuldiger Bystander, eine wilde Schießerei inklusive Stunteinlagen und jede Menge bumm-bumm-bumm. YAY!
Konkret: Jeder von uns sollte am nächsten Tag eine Spielzeugpistole mit in die Schule bringen. Im Französischkurs sollten wir die ersten 10 Minuten ganz normal mitmachen, dann sollte ich auf die Toilette gehen und dabei die Tür angelehnt lassen (sonst hätte ich klopfen müssen). Dann sollte ich zurückkommen, die Tür einen Spalt weit öffnen, Blickkontakt mit Björn suchen, abnicken, losballern.
Der Rest der Klasse ahnte nichts, wir waren perfekt vorbereitet, die Show konnte beginnen.
Ich ging aufs Klo und machte mir vor lauter Vorfreude fast in die Hose (ha). Dann marschierte ich zurück, riss die Tür auf, hielt meine Pistole in die Menge und schrie: »Dies ist ein ÜBERFALL!!!« Dann ballerte ich los.
Björn sprang auf, legte breitbeinig auf mich an und begann zurückzufeuern. Ich hechtete in bester Action-Manier hinter eine Stuhlreihe und schlitterte auf dem Bauch durchs halbe Zimmer. Thomas stand auf, zielte grundlos auf den Lehrer und sagte: »Herr Weinheimer, Sie sind tot.« Dann drückte er ab.
PAFF!
Alles lief wie abgesprochen, die Choreographie war perfekt. Ich lag auf dem Boden, ballerte, was das Zeug hielt, während Björn mit Knallhemmungen der Platzpatronen kämpfte. Klick, klick, klick machte es bei ihm, und peng, peng, peng machte es bei mir. Im Hintergrund machte es paff-paff-paff!!!
Es war wunderbar absurd, restlos chaotisch, eine wilde Schießerei im Klassenzimmer, wie im Kino, Adrenalin und Testosteron, wir fingen an zu lachen und knallten wie die Wilden, während die anderen weiterhin nur stumm und doof herumsaßen. Und Herr Weinheimer sich langsam fasste.
Sich ein Herz fasste, aufsprang, mit dem Finger auf mich (und nur mich) zeigte und »A-A-AAAAAAAAARREEEST!!!« rief.
AAAAAAAAAAAAAAAARREEST!!!!
:D
Das ging ein paar Minuten so, und dann war gut. Ich stand grinsend auf, klopfte mir den Staub von den Klamotten und ging an meinen Platz. Björn saß bereits wieder, ebenso breit grinsend, und Thomas oder Torsten blickte auf sein Französischeheft und hielt sich den Bauch. Im Hintergrund hörte ich leise und gedämpft das weinheimersche »AAAAAAAAAAAAAAAARREEST« auf Endlosschleife.
Es war einer der lustigsten Nachmittage in dieser beknackten Drecksschule, die ich je erlebt habe. Wir haben noch viel anderen Mist gemacht, aber die Ballerei war schlicht grandios. Alles war scheißegal, irgendwie, die Selbstsucht riesig, wir waren die allerdebe Obergeilsten.
Ohne jetzt groß abschweifen zu wollen — eine ähnlich gelagerte Aktion zeigten wir ein paar Jahre später bei einem Auftritt in einem Jugendzentrum. Wir spielten als einer der Hauptacts auf einer Geburtstagsfeier, es war eigentlich ein wichtiger Termin, doch wir hatten Stress mit unserem Sänger und jagten ihn während der Show via zehnminütigem Dauerkrach von der Bühne. In beiden Fällen ging es uns ausschließlich um uns und um sonst gar nichts.
Fickt Euch alle, uns kackegal!
Hahaaaaaaaaaa!!!
Pubertät.
Zurück zum Rumgeballer: Uns passierte natürlich gar nichts. Null, nix. Wir wurden zwar gefragt, ob wir noch alle Tassen im Schrank hätten, so krass den Unterricht zu stören, aber das war’s dann auch. Ich bekam einen Eintrag ins Klassenbuch, weil ich als »Anführer« identifiziert wurde (ich hatte ja die Tür geöffnet und angegriffen, sic), außerdem sollte ich irgendwann im Schuljahr ein paar Stunden nachsitzen.
Auf Björns Frage, warum nur ich bestraft würde, er aber nicht, kam die ungelogene Antwort: »Das hättest Du wohl gerne. Ha!« Ja, so war er, der Herr Weinheimer. Und ich erschien ganz selbstverständlich nie bei irgendeinem Straftermin.
So. Blicke ich heute auf diese Nummer zurück, muss ich zuallererst lachen. Es war und bleibt wirklich witzig, und ich kann daran absolut nichts verwerfliches finden.
Aber natürlich frage ich mich gleichzeitig, was ich machen würde, wenn meine Söhne eine ähnliche Sache abziehen würden, in fünf, in zehn Jahren. Könnten sie das überhaupt noch? Nach Columbine, Erfurt, Emsdetten, Virgina Tech und Winnenden. Und all denen, die noch folgen werden.
Was, wenn ihre Klassenkameraden auf die Idee kämen?
Könnten meine Jungs, könnte ich darüber lachen?
Die anderen Eltern? Haha…
Was würde heute mit uns, mit Björn, Torsten und mir passieren? Würden wir ebenfalls um einen Arrest herumkommen, oder würden wir hochkant von der Schule in irgendein Heim für Wahnsinnige fliegen? Würde Herr Weinheimer evtl. an Ort und Stelle und Herzinfarkt sterben; würden Mitschüler zurückschießen? Kämen wir in die Nachrichten?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass wir weder Killerspiele noch Gewaltvideos noch Handykameras hatten. Wir hatten noch nicht mal Gangsta-Rap, und außer den drei Hauptprogrammen im hessischen Fernsehen gab’s damals lediglich AFN in braun und mieser Qualität. Wir hatten auch kein Internet und soweit ich weiß keinerlei Informationen über vergleichbare frühere Aktionen in Deutschland oder Übersee.
Wir hatten »Ein Colt für alle Fälle«, Bud Spencer und Terence Hill, davor Captain Future und Clever & Smart. Wir entdeckten gerade Jimi Hendrix und fanden ZZ Top irgendwie cool, begannen uns für ausgefallene Klamotten (und Baseball) zu interessieren und mehr oder weniger intensiv um Mädchen zu bemühen. Wir machten erste Schritte in Sachen eigener Musik, schrieben surrealistische Gedichte, zeichneten und airbrushten wie die Weltmeister und zukünftigen Grafiker, die wir werden wollten; wir machten das, was Jungs in unserem Alter nunmal so machen.
Mit überbordender Phantasie und grenzenlos scheinender Kreativität.
Was ich sagen will: Uns ist die Idee zu der Ballerei einfach so gekommen, aus Spaß an der kaputten Freude und ohne Vorbilder mit Facebook-Profil. Diese Unbedarftheit würde man heute sicher niemandem mehr abnehmen, erst recht nicht 14- oder 15-Jährigen Hardcore-Bloggern oder SchülerVZ-Aktivisten. Heute, nach all den medial ausgeschlachteten Hinrichtungen und der nunmehr vorhandenen Hypersensibilisierung.
Vielleicht würden wir das heute auch einfach nicht mehr machen. Vielleicht hätten wir Angst vor den Konsequenzen, Angst vor den falschen Schlüssen, die gezogen würden. Vielleicht würden wir wirklich Rücksicht nehmen auf Befindlichkeiten.
Vielleicht wären wir aber auch einfach nur endgeil auf die YouTube-Videos. Keine Ahnung.
Ich hoffe jedenfalls – um mal abschweifend abzuschließen –, dass ich mit meinen Jungs nachsichtig umgehen werde, sollten sie jemals auf die Schnapsidee kommen, mit Spielzeugpistolen oder sonstigem Mist in ihre Schule zu marschieren und »Überfall« zu spielen. Kinder eben.
Das ist auch der Grund warum ich es aufschreibe: Damit sie es mir im Zweifel vor die Nase halten können.
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PS: Dies ist kein Aufruf, in Schulen virtuelle Schießereien zu veranstalten. Auch nicht für Euch zwei, hört Ihr?




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