Live, roh und direkt vom Amoklauf in Winnenden

Auf Focus gab es gestern einen »Amoklauf im Nachrichtenticker«. Das kann, nein, das muss man so stehen lassen und konservieren. Damit hinterher niemand sagen kann, soetwas hätte es nicht gegeben.

Das ist natürlich nichts neues, nur habe ich keine Screenshot-Funktion in meinem Fernseher, und mein Kamera-Akku war leer.

Ein Liveticker zu einem Amoklauf ist in etwa… so ziemlich… das peverseste… ach ne. Auf Twitter twitterte nämlich nicht nur die mittlerweile bekannteste Nicht-Direkt-Augenzeugin Deutschlands, sondern auch ein Teil des Krisen Interventions Teams.

Ich frage mich immer noch, wie ich mir das vorstellen muss, also was der Typ da macht, wie er das koordiniert, seinen Job, die schwierige Aufgabe, die Hektik, die Daumen über der mobilen Tastatur. Schreibt er blind? Hockt er unbeteiligt rum und schlürft einen Latte? Auch das gilt es zu konservieren, damit hinterher niemand sagt, das habe es nicht gegeben.

Dagegen scheint mir Niggemeiers Aufgeregtheit über ein paar dümmliche FocusLive-Fatzkes beinahe banal.

Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass die Reporter auf dem Weg zum Ort des Dramas denken, dies sei ein guter Zeitpunkt, schnell noch ihre persönlichen Befindlichkeiten zu veröffentlichen. Dieser Gebrauch von Twitter mischt für mich auf das Unangenehmste die Beiläufigkeit dieses Mediums mit der Bedeutung des Ereignisses.

Niggemeier ist der Meinung, es ginge »um Pietät, Prioritäten und Perspektive«, und er findet »es falsch, angesichts des Unglücks so vieler Menschen über die eigene Anreise zu schreiben«.

Doch was genau wünscht er sich denn, wenn er letztlich einen angenehmen Mix aus Beiläufigkeit und Bedeutung fordert. Will er Larifari-Tweets zum Großeinsatz oder konkrete Beobachtungen, die mitten ins Herz treffen? Also »Polizei vor Ort, Verwirrung, Chaos« oder »Kopfschuss aus nächster Nähe. Opfer M, weiß, vlt. 35. Überall Blut. #winnenden #amoklauf«?

Wie sieht denn Pietät in 140 Zeichen aus?

Für meine bescheidenen Begriffe haben Journalisten überhaupt keine journalistische Tätigkeit über Twitter abzuwickeln, und dasmadas. Sie haben auch keinen Textticker über einen Amoklauf zu starten, und sie sollten auch keine Livebilder und Vor-Ort-Interviews mit »Überlebenden« senden, während im Off noch die Kugeln fliegen.

Mittendrin liefert nunmal keine Hintergründe.

Siehe auch: Natural Born Killers.

Und der Typ vom KIT gehört auf der Stelle gefeuert.

Kommentare 7

  1. Der Typ :

    Die ersten Tweets sind auf der Anfahrt bzw. unmittelbar nach dem Eintreffen in W. entstanden, und zwar VOR Aufnahme unserer Arbeit. Der oben dargestellte Tweet ist entstanden, während die Sammelstelle, an der ich zu dem Zeitpunkt eingesetzt war, aufgelöst wurde. Zu betreuende Personen gab es zu diesem Zeitpunkt an dieser Stelle nicht.

    Es ist also gar nicht so schwer, sich vorzustellen, wie ich das gemacht habe. Wenn man es nur versucht und nicht allzu sehr mit seinen Emotionen beschäftigt ist.

    Verfasst am 13. Mar 2009 gegen 00:16
  2. m.fehn :

    OK, ich mag übertrieben haben. Und natürlich kann ich mir vorstellen, wie jemand während, vor oder nach eines Einsatzes twittert. Ich finde es nur reichlich daneben, das ist alles.

    Wieso nehmt Ihr kein Kamerateam mit und streamt den Kram live? Dann könntet Ihr zwischendrin immer mal nett lächeln, einen Kaffee ins Bild halten, Fragen im Chat beantworten und vor allem Werbeaufkleber auf den Uniformen tragen.

    Verfasst am 13. Mar 2009 gegen 15:27
  3. Der Typ :

    Man kann ja meinethalben die Grundsatzfrage stellen, ob Einsatzkräfte twittern dürfen. Aber ich persönlich sehe einen Unterscheid zwischen den Szenarien, die Du entwirfst, und dem, was real passiert ist. Zu einem Zeitpunkt, zu dem ich an meiner Einsatzstelle keinen konkreten Auftrag abzuarbeiten hatte, Inhalte zu twittern, die keinerlei persönlichen Bezug zu Betroffenen haben, finde ich persönlich nicht “reichlich daneben”. Und ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, was genau Du mit Deiner Polemik erreichen willst. Sachliche Auseinandersetzung sieht m.E. jedenfalls anders aus.

    Verfasst am 13. Mar 2009 gegen 21:22
  4. m.fehn :

    Ich stelle die Grundstzfrage, ob Einsatzkräfte twittern dürfen, und ich beantworte sie mit »nein«. Zur Untermauerung meiner Meinung bringe ich — momentan noch — überzogene Szenarien.

    Aber mal konkret:

    1) Amoklauf in Schule. KIT Stuttgart fährt an.
    2) Eintreffen Winnenden.
    3) 10 Tote.

    Das sind die drei Tweets, auf die ich aufmerksam geworden bin. Du bist da vor Ort, musst bisschen warten, und dir fällt nichts besseres ein, als »10 Tote« zu twittern. Das kann ich nicht nachvollziehen, ich finde es irgendwie widerlich, unangemessen, deplatziert, nenn’s wie Du willst.

    Und ich spinne das weiter und denke an Folge-Tweets á la »alles Rot, wow« usw. Das Medium ist für diese Art Informationen nicht zu gebrauchen, so einfach, und Du kannst 1.000 Mal sagen, dass Du ja nicht sowas wie »alles Rot« geschrieben hättest, aber es ist die logische Folge.

    Twittern beim nächsten Einsatz auch die restlichen Kollegen? »Henry springt, ui, das war knapp.«

    Ich begreife einfach nicht, wie man in so einer Position, in so einer Situation, einen Gedanken ans Inhaltefüttern eines Microbloggings-Dienstes verschwenden kann. Soll das Infos festhalten? Gedanken (»10 Tote«???)? Oder geht’s um Aufmerksamkeit?

    Ich check’s nicht und reg mich eben auf.

    Verfasst am 13. Mar 2009 gegen 21:48
  5. Der Typ :

    Für mich ist das, was Du als “logische Folge” bezeichnest, eine theoretisch mögliche, aber unwahrscheinliche (was mich persönlich angeht: definitiv auszuschließende) Entwicklung. Im übrigen bin ich Deiner Meinung, dass das Medium für das, was Du Dir an Szenarien ausgedacht hast, nicht zu gebrauchen ist. Ich finde es nur nicht zielführend, angesichts Deiner sehr konkreten Angriffe gegen meine Person über etwas zu diskutieren, was sich real nicht ereignet hat.

    Ich habe Twitter als das benutzt, was es für mich ist: Eine Möglichkeit, den mir bekannten Mitlesern Infos zukommen zu lassen. Das waren “ich muss weg”, “ich bin angekommen” und das zu dem Zeitpunkt bekannte Ausmaß. Mehr nicht. Und zwar bewusst nicht mehr. Ich hätte etliche Eindrücke, etliche Details der von Dir dargestellten Art und Güte zur Verfügung gehabt, aber ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, so etwas zu veröffentlichen. Bin ich auch nicht. Auch wenn Du das als Argument nicht zählen lassen willst.

    Ich finde übrigens auf der anderen Seite, dass Deine Form der Kritik und der Meinungsäußerung nicht wirklich angemessen waren. Stichwort teilnahmsloser, Latte schlürfender Spinner, der auf der Stelle gefeuert gehört. Aber Du regst Dich “eben” auf.

    Verfasst am 14. Mar 2009 gegen 00:16
  6. m.fehn :

    OK, Du meinst also, dass Du das exakt richtige Maß getroffen hast, und dass es nichts an deinem Umgang mit den Eregnissen und Twitter auszusetzen gibt.

    Im Gegenteil — so muss das sein.
    Werden ja sehen, wohin das führt, ob es Schule macht, und wie die Zukunft diesbezüglich aussieht.

    Ich habe dich übrigens nicht als unbeteiligten, Latte schlürfenden Spinner beschrieben. Ich habe Fragen gestellt, wie man sich den Vorgang vorstellen muss, und dabei habe ich sicherlich nicht alle möglichen Varianten durchgespielt.

    Verfasst am 14. Mar 2009 gegen 10:36
  7. micha :

    moin.
    ich würde eure diskussion gerne auf das wesentliche zurückbringen: das füttern der trolle mit infos. tut das not? muss heute ntv live vom tatort berichten? muss jeder eindruck oder ausdruck sofort unreflektiert in die öffentlichkeit? dadurch kommt nämlich veröffentlichungsdruck auf. früher hätte sich nie ein innenminister wenige stunden nach der tat hingestellt, einen photogeshoppten internetausdruck hochgehalten und was von killerspiel-internetbekenner gefaselt, ohne die leiseste ahnung davon zu haben. heute muss er sich denken “verdammt, das muss ich raushauen, bevor es der mann vom KIT twittert”. die holzmedien, internetausdrucker und vor allem bedenkenträger sind doch völlig überfordert von der welt und dann kommt der eigene büttel und macht ihnen noch (unbeabsichtigt?!?) druck. ich denke, die medien auf abstand zu halten und sie nicht noch zu füttern wäre die clevere alternative.

    just my two cents

    Verfasst am 14. Mar 2009 gegen 11:03

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